Hey! Benji hier. Es gibt Filme, die werden einem so feierlich angekündigt, dass man schon vor dem Start das Gefühl bekommt, eine Prüfung in Filmgeschichte ablegen zu müssen. „Citizen Kane“ gehört eindeutig in diese Kategorie. Die gute Nachricht: Orson Welles’ Klassiker von 1941 ist kein staubiger Pflichttermin, bei dem man heimlich die Uhr anstarrt. Er ist ein raffiniert gebautes Drama über Macht, Ehrgeiz, Reichtum und die ziemlich unangenehme Frage, was im Leben eigentlich übrig bleibt, wenn man scheinbar alles besitzt.
Lange Zeit war der Film der unangefochtene Spitzenreiter der Sight-&-Sound-Wahl zum besten Film aller Zeiten. Bei den Abstimmungen von 1962 bis 2002 landete „Citizen Kane“ jeweils auf Platz eins. Das erzeugte bei manchen Zuschauerinnen und Zuschauern offenbar eine Ehrfurcht, als müsse man vor dem Anschauen erst einen Smoking bügeln. Inzwischen ist der Titel bei der jüngsten Wahl auf Rang drei zurückgefallen. Für den Film dürfte das nicht unbedingt ein Nachteil sein: „Einer der besten Filme aller Zeiten“ klingt schließlich etwas weniger nach einer unbesteigbaren Kultur-Bergwand.
Die Handlung setzt mit dem Tod des Zeitungsmagnaten Charles Foster Kane ein, gespielt von Orson Welles selbst. Kane stirbt in seinem abgeschirmten Anwesen Xanadu; sein letztes Wort lautet „Rosebud“. Was damit gemeint ist, bleibt zunächst offen. Der Reporter Thompson, dargestellt von William Alland, versucht deshalb, Kanes Leben zu rekonstruieren. Er spricht mit Menschen aus dessen Umfeld und stößt dabei auf verschiedene Erinnerungen und Sichtweisen. Eine einzige, bequem verpackte Wahrheit bekommt er nicht geliefert – Pech für ihn, Glück für alle, die gute Rätsel mögen.
Kane wird dabei nicht als eindimensionales Monster gezeichnet. In jüngeren Jahren kann er charismatisch, witzig und schlagfertig auftreten. Später erscheint er zunehmend verhärtet, selbstbezogen und vereinsamt. Gerade dieser Wandel macht die Figur interessant: Der Film zeigt nicht nur den Aufstieg eines mächtigen Medienunternehmers, sondern auch, wie Erfolg, Besitz und Einfluss einen Menschen verändern können. Das Werk wird außerdem als Auseinandersetzung mit extrem wohlhabenden Medienfiguren verstanden, darunter dem Zeitungsmagnaten William Randolph Hearst.
Wer jetzt ein trockenes Lehrstück über Presse und Kapital erwartet, darf die Stirn wieder entspannen. Das Drehbuch von Orson Welles und Herman J. Mankiewicz arbeitet immer wieder mit komischen Momenten. Schon der Nachrichtenbeitrag, der Kanes Leben zusammenfasst und seinen Reichtum beinahe grotesk ausstellt, setzt einen eigenwilligen Ton. Zwischen Größenwahn und Tragik bleibt Platz für Witz. Ich persönlich finde: Wenn ein Film gleichzeitig über Hybris sprechen und dabei noch frech grinsen kann, hat er schon einen ziemlich guten Trick auf Lager. Das war so geplant – nur das Ergebnis war überraschend.
Besonders prägend ist die visuelle Gestaltung. Welles arbeitete mit dem Kameramann Gregg Toland und setzte auf eine Bildsprache, die an die Opulenz des Stummfilms anknüpft. Extreme Weitwinkelaufnahmen lassen Räume und Figuren je nach Situation überwältigend, bedrückend oder geradezu leer wirken. So werden Kanes Ego, seine Macht und die innere Leere seines Lebens nicht nur beschrieben, sondern im Bild spürbar gemacht. Dazu kommen lange, spannungsvoll ausgedehnte Szenen, die das Publikum an entscheidenden Wendepunkten förmlich festhalten.
Der Film hat zahlreiche namhafte Bewunderer, darunter Steven Spielberg, Francis Ford Coppola, Martin Scorsese und Stanley Kubrick. Ingmar Bergman urteilte dagegen deutlich weniger begeistert und bezeichnete den Klassiker als „echte Schlaftablette“. Geschmäcker sind eben verschieden – selbst bei großen Regisseuren. Für die These, „Citizen Kane“ sei langweilig, liefert die Mischung aus investigativer Handlung, schwarzem Humor, wechselnden Perspektiven und visueller Energie jedenfalls nicht gerade den bequemsten Beweis.
Wer sich selbst ein Bild machen möchte, kann „Citizen Kane“ als VOD über Amazon Prime Video abrufen. Für Abonnierte des Prime-Video-Channels ARD Plus ist der Film laut vorliegenden Angaben ohne zusätzliche Kosten verfügbar. Außerdem erscheint er auf 4K-Blu-ray, Blu-ray und DVD. Ob der Klassiker anschließend auf der persönlichen Lieblingsfilmliste landet, bleibt natürlich jedem selbst überlassen. Aber ansehen sollte man ihn einmal – schon damit man künftig souverän mitreden kann, wenn jemand wieder behauptet, der Film sei bestimmt viel zu anstrengend. Benji sagt: Erst gucken, dann dramatisch urteilen.
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Benji empfiehlt: Warum „Citizen Kane“ weniger furchteinflößend ist als sein Ruf
Orson Welles’ „Citizen Kane“ stand jahrzehntelang an der Spitze bedeutender Bestenlisten. Das Drama ist derzeit als VOD bei Amazon Prime Video verfügbar – und hat deutlich mehr Humor, Tempo und Biss, als sein ehrwürdiger Ruf vermuten lässt.
